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Wert und Werte

von Ludger Eversmann am 2. Januar 2012

Dinge, privatisierbare Güter, haben einen Wert oder können einen Wert haben, nämlich dann, wenn es mindestens einen Menschen gibt, der so ein Ding besitzen will, oder wenn man zumindest annehmen kann dass es Menschen gibt die dieses Ding würden in Besitz haben wollen; und weil es dieser werten oder bewertbaren Dinge viele gibt, gibt es Wert auch im Plural: all diese gezählten und ungezählten begehrten Dinge und Güter, Leistungen, Materialien und Stoffe gehen (jedenfalls in hochentwickelten Volkswirtschaften mit einem ebenso hoch entwickelten Geldsystem) in die Bilanzen der Unternehmen und das Sozialprodukt der Volkswirtschaften ein, und bilden sozusagen den stofflichen Gehalt des Wohlstands der Menschen.

Es gibt nun auch Werte oder einen Wert, den gibt es nur im Singular: das Begehrte, auf das dieser Wert hinzeigt sozusagen, ist ein Zustand dieser Welt, in der wir alle leben, alle Menschen, und in gewisser Weise auch die Tiere, alle lebenden Wesen also, insbesondere aber die Menschen, als jene Wesen, denen wir einen Subjektstatus zusprechen, und Würde: die allen Menschen gleichermassen zukommende und zustehende, unveräusserliche Menschenwürde. Dieser Wert ist also bezogen auf oder verbunden mit oder leitet sich her oder enthält die Obligation zur Herstellung eines Zustandes der Welt, also der Lebenswelt für die darin lebenden Wesen, davon in erster Linie die Menschen. Dieser Zustand nun ist gekennzeichnet durch zwei Elemente: erstens die Möglichkeit für alle Menschen, ohne Schuld zu leben, also ohne Obligation, etwas tun oder leisten oder ableisten zu müssen, sowohl im engeren moralischen Sinne, also natürlich auch ohne im strafrechtlichen Sinne schuldig geworden zu sein, aber auch ohne gegen erkennbare Rechte anderer Rechtssubjekte verstossen zu müssen oder verstossen zu haben, und ohne sonstige bindende und verpflichtende Obligationen und Gewissenslasten. Und zweitens: in möglichst grosser, unbeschränkter Autonomie leben zu können, also die eigene “Autonomie des Willens” gegen die “Heteronomie der wirkenden Ursachen” setzen zu können (kantisch gesprochen). Also: Herr des Tages zu sein, der eigenen Lebensumstände; die verfügbare Lebenszeit und -Kraft gestalten zu können, ohne hier durch vorgefundene naturwüchsige und vorkulturelle Naturnotwendigkeiten eingeschränkt zu sein. Es ist also durchaus das mit eingeschlossen, was man auch gerne “wirtschaftliche Unabhängigkeit” nennen mag: ein möglichst wenig eingeschränkter, möglichst freier Zugriff auf industriell herstellbare Konsumgüter, also Güter des täglichen Bedarfs und zur Unterstützung einer kommoden Lebenshaltung; dies natürlich nur im Rahmen des ökologisch vertretbaren Ressourcenverbrauchs. Nicht ganz offensichtlich ist und daher auch nicht ganz leicht zu begründen (und daher wird dies leider auch oftmals verkannt): dass dies voraussetzt, dass diese Konsumgüter zum einen voll maschinell hergestellt werden können, und zum anderen setzt es eine bestimmte Weise der Produktion und Verteilung dieser Güter voraus, nämlich eine nicht-marktliche Güter- und Faktorallokation. Dazu später.

Jedenfalls scheint es so zu sein, dass so eine Idee eines idealen Zustandes der Welt, der gesamten Lebenswelt, rund um den Globus, den Menschen auf eine Weise bekannt ist, die möglicherweise den apriorischen Bewusstseinsinhalten entspricht, die uns das Denken ermöglichen, bevor wir je eine bewusste Erfahrung gemacht haben, also den kantischen Verstandeskategorien Raum und Zeit. Diese Idee eines Idealzustandes hat sich als Vorstellung eines verlorenen gegangenen Paradieses, als ein Leben nach dem Tod, als eine Verheissung ausserhalb des geschichtlichen Raumes in die heiligen Bücher der diversen Heilslehren und Religionen begeben, wo sie dann möglicherweise als göttliche Offenbarung erschien. Aber auch im ganz streng rationalen Denken, in der Rechtsphilosophie beispielsweise, oder in der Ethik kommen wir nicht aus ohne diese Vorstellung eines Ideals, eines idealen Zustandes, den die Welt einnehmen soll, und den herzustellen uns Menschen aufgetragen ist, dazu sind wir uns gegenseitig verpflichtet, die Würde des einen Menschen verpflichtet den anderen dazu, an dieser Verwirklichung mitzuwirken. Dieser Zustand der gesamten Welt ist ein absoluter Wert, mit und durch nichts zu relativieren.

Und die vielen relativen Werte der tauschbaren und privatisierbaren Güter beziehen ihren wahren Wert gewissermassen aus der Bezogenheit auf diesen absoluten Wert: dadurch, dass sie einen Beitrag leisten können, diesen Zustand zu realisieren, oder ihm ein wenig näher zu kommen. Die guten Dinge. Die guten Dinge sind solche, die die Welt in diesem Sinne schöner machen, und uns ein bischen dem Paradies näher bringen.

Man kann sagen: die Welt soll so beschaffen sein, dass wir darin leben können in Freiheit und Unschuld. Nun kann man natürlich nicht einem bestimmten Zustand der Welt die Verantwortung dafür zuschreiben, dass ein einzelner Mensch irgendwo in dieser Welt individuelle Schuld auf sich lädt: das wird natürlich niemals durch irgendwie geartete menschengemachte Zustände der Welt verhindert werden können; sicherlich wird auch in dem vollkommensten aller Paradiese noch ein Mensch individuell schuldig werden können. Aber wir können einen Zustand der Lebenswelt vorstellen und – möglichst – auch herstellen, in dem das Schuldigwerden nicht mehr gewissermassen zur alltäglichen menschlichen Tragödie des Überlebens dazu gehört: im alltäglichen Überlebenskampf unter (wirtschaftlichen) Wettbewerbsbedingungen ist dieser sozusagen sportliche und vielleicht durchaus faire Wettbewerb durchmischt mit Verstössen gegen eigentlich gültige und erkennbare Prinzipien der zwischenmenschlichen Solidarität, und darum sind wir alle in der Fülle unseres satten Wohlstands ein kleines oder grösseres bisschen mit Schuld beladen, zum Beispiel der reiche und entwickelte Norden gegenüber dem armen Süden, dessen Lebens- und Entfaltungsmöglichkeiten recht systematisch und massiv beschnitten werden. Aber schon im ganz alltäglichen Handeln und Wandeln, in dem ganz gewöhnlichen Kauf- und Verkauf von Gütern und Leistungen steckt möglicherweise ein kleines bischen Schuldigwerden: ganz gewöhnlich begegnen sich in dieser Ur-Situation der Marktwirtschaft zwei Menschen mit konfligierenden Interessen, und man kann eigentlich nie oder so gut wie nie wissen, ob ein erzielter “Preis” für eine Kaufsache, auf den man sich geeinigt hat, wirklich ein gerechter Preis ist: möglicherweise hat sich eben einer der beiden Kontrahenten durchgesetzt, und den anderen ein wenig oder ein wenig mehr übervorteilt.

Paradise is near, sagte Achemo.

Gerade las ich noch einmal einen inzwischen über 3 Jahre alten FREITAG-Artikel von mir, dem die Redaktion damals einen etwas reisserisch aufgemotzten Titel verpasst hat. Das entstand so: am Schluss habe ich eigentlich eher im Scherz die Erwartung ausgesprochen, dass diese “Marx-Maschine” – also Fabber, etwa in der Gestalt des RepRap Mendel oder des Makerbot – zu einer “Killer-Applikation” werden würden, ein inzwischen gestorbener Begriff aus dem Marketing, der nichts anderes meinte als das etwas ist was jeder haben will, und man geradezu blindwütig darauf versessen ist. So ist es dann doch noch nicht geworden, obwohl die Makerbots und die Mendels recht populär sind inzwischen. Ich will doch noch einmal auf diesen Artikel hier verlinken:

Marx-Maschine und gesellschaftliche Emanzipation

Eigentlich gab es da schon eine ganze Menge Denkstoff: wie Marx das gesehen hat mit den neuen Produktionsmitteln, wie Ernest Mandel das gesehen hat, den ja heute kaum noch jemand kennt, und wie das die – aus der Sicht der Marxisten – bürgerlichen Ökonomen sehen und gesehen haben: Frank T. Piller, der Vertreter der “Mass Customization” in Deutschland zum Beispiel, der so schön beschreiben kann wie der reife Kapitalismus mit seiner “Überproduktivität” und den vielfach gesättigten Märkten (“Konsum-Hedonismus”, “Käufermarkt”) die Industrie dazu treibt, die Konsumenten immer mehr zum Produzenten zu machen. Und die ihre Sicht auf die Verwendung dieser neuen Marx-Maschinen “Extrem-Customization” getauft haben. Und gleichzeitig brodelt das aus einer ganz anderen Richtung ganz mächtig: überall entstehen Open Hardware Projekte, neue FabLabs, und entsteht so langsam so etwas wie Makrowikinomics, ganz von unten, und was die Industrie dazu zu sagen hat, ist denen egal. So muss das dann mal irgendwann zusammen wachsen, damit zusammenwächst, was zusammengehört, und irgendwann – puh! – zündet was ganz heftig.

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Sinn

von Ludger Eversmann am 4. September 2011

Die aufregenden faszinierenden Möglichkeiten der Menschheit, der menschlichen Geschichte auf diesem Planeten sind die Entdeckungen unentdeckter Wahrheiten, die Verwirklichung unverwirklichter Möglichkeiten, die Entdeckung nie zuvor gefühlter Gefühle, nie gesehener Perspektiven, nie gesehener Dinge und Erfindungen, nie erreichter Schöpfungen in Kunst und Wissenschaft und der Fertigkeiten der Hände und des Körpers, aber nicht die Verbuchung nie zuvor gesehener Zahlen auf Kontenständen.

Das heisst: mit dem Kapitalismus läuft was schief. Der Kompass klebt auf ner falschen Position fest. Der Sensor für die Richtung ist verbrannt.

Es geht noch um mehr: Heimat, Frieden, Liebe, dass wir uns allen gegenseitig unverwandt ins Gesicht sehen können. Rund um die Welt! alt und jung, Mann und Frau, Eltern und Kind, Mensch und Tier. Das wäre schön. Könnte gehn.

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Der Mann hat so recht:

Politik in der Krisenfalle

Man kann ja noch streiten ob das nun Hyperproduktivität genannt sein soll: das klingt ja so als sei das ne Art Krankheit wie hyperaktive Kinder, da gibts Therapie und rosa Pillen, und dann wirds wieder normal mit der Produktivität. Aber es ist einfach die im Verlauf des ganz normalen und gesunden technischen Fortschritts möglich gewordene Produktivität bei Vollbeschäftigung. Das ist für unseren durchschnittlichen Konsumhunger einfach eben halt zu viel. Aber da es keine Spielregeln gibt im Kapitalismus, da geregelt auf die Bremse zu treten, kommt es zu all diesen komischen Erscheinungen, Hektik und Überschuldung und monströse Finanzgebirge.

Raus kommt man da nicht durch Politik alleine, sag ich ja.

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Im April-Heft der Technology Review gab es ja einen Schwerpunkt zum Thema
Rapid Manufacturing oder Additive Manufacturing, wie man nun wohl häufiger sagt. Sehr schöner Überblick über das, was inzwischen schon so alles geht – Lichtgedichte vom Laser z. B. gefällt mir so gut! – und was grad in der Pipeline ist, und auf die Perspektiven dieser Technik, also: wo sind die Nadelöhre, wo sind die Herausforderungen. Als wichtige Herausforderung wird unter anderem wohl die Schnittstelle zwischen Mensch – als Konsument in der Rolle des Produzenten, des Produkt-Entwicklers – und Maschine gesehen. Es ist ja so bei der Additiven Fertigung, dass zunächst dieses STL-File erstellt werden muss, also der maschinenlesbare Entwurf dessen, was man herstellen will. Und das ist ja ein enorm anspruchsvoller Vorgang, man muss über all das genauestens Bescheid wissen, die konstruktiven Eigenheiten und Anforderungen, die Beschaffenheit des Materials, erforderliche Festigkeit, Biegsamkeit, Belastbarkeit… lauter Dinge von denen man keine Ahnung hat und haben muss, wenn man in ein Geschäft geht und sich etwas kauft, beispielsweise einen Laufschuh, zum Rennen. Nun können natürlich solche Entwürfe gewissermassen vorgefertigt werden und irgendwo abgelegt, wo man sie sich dann herunterlädt und dann ein wenig – oder ein wenig mehr – “editieren” kann, also an die eigenen Wünsche, Vorstellungen und Bedürfnisse – etwa die Form der Füsse, wenn es sich um Schuhe handelt – anpassen.

Frank T. Piller, Professor an der RWTH Aachen und einer der weltweiten Vordenker der “Mass Customization”, sieht in der “Gestaltung des Lösungsraumes” eine der zentralen Herausforderungen, die bewältigt werden müssen, um diese Technik wirklich in der Breite nutzbar und erfolgversprechend werden zu lassen. Man muss Möglichkeiten finden, dem Nutzer einerseits dieses Meer der Möglichkeiten vor Augen zu führen, das ihm mit dieser Technik zur Verfügung steht, andererseits darf er darin aber auch nicht ertrinken! Er muss auch erkennen können, wo die Grenzen der Möglichkeiten sind; die physischen oder physikalischen Anforderungen des Entwurfs oder seines Wunsch-Designs muss so eine interaktive Lösung also einerseits “kennen”, das Wissen muss also darin implementiert sein, andererseits muss sie es dem Nutzer anschaulich darstellen und erkennbar machen können. Wahrhaftig eine Herausforderung an das Software-Engineering! Beispielsweise müsste er seinen Entwurf in der geplanten Funktion simulieren können, es muss ihn also nicht nur vor sich sehen, sondern ihn auch in “Action” erleben können, und mögliche Schwächen im Entwurf entdecken und behebn können… gewaltig.

Ein weiteres ganz wichtiges Element des Additive Manufacturung sind natürlich die Materialien, die Baustoffe… Hier wird gegenwärtig offenbar ebenso intensiv geforscht wie an den Verfahren selber; zum Teil ist es ja auch so dass die Materialien bestimmte Verfahren auch erzwingen, das muss also aufeinander abgestimmt sein. In dem Heft wird zum Beispiel beschrieben, wie ein bestimmtes Stahlpulver auf eine ganz bestimmte Weise beim Laser-Sintern behandelt werden muss, nämlich so dass der Laser in einem 67°-Winkel auf das Pulver auftrifft – weil dadurch bestimmte Eigenschaften erzielt werden können, wie zum Beispiel die erwünschte Härte und Festigkeit, aber ohne Verlust der Elastizität.

Aber doch, trotz aller speziellen Schwierigkeiten und der grossen Varianz der gegenwärtig verfügbaren Maschinen, Materialien und Verfahren: wie das auch in diesem Heft vorhandene Interwiew mit Neil Gershenfeld, dem “Vater” der FabLabs in der ganzen Welt und einem der Pioniere der “Persobal Fabrication”, handelt es sich im Prinzip um Variationen der “digitalen Fabrikation”, um “Universal Desktop Fabrication”, wie ein wissenschaftlicher Artikel zu dem Forschungsgebiet überschrieben ist. Und das bedeutet nichts anderes als: prinzipielle Universalisierung, und damit prinzipielle Homogenisierung der Verfahren, der Maschinen, und der Materialien, und – nahezu grenzenlose – Individualisierung erst im Produkt: werkzeuglose, vollmaschinelle Fertigung in der Losgrösse 1.

Während nun viele Autoren hier bei der theoretischen Basisforschung zur Additiven Fertigung davon ausgehen, dass es sich bei diesem Prozess tatsächlich um “Addition” von kleinsten und allerkleinsten Bauteilen handelt, die “selber” dazu keinen aktiven Beitrag leisten, forscht Gershenfeld an Materialien, die “intelligent” sind, die also Logik und maschinelle Intelligenz beherbergen, mit dem Ziel, eines Tages sich selbst zu einem grösseren Ganzen formende Materialien zu besitzen, die – analog der biologischen organischen Zelle – wachsen und auf diese Weise Dinge “fabrizieren” können. Gershenfeld rechnet innerhalb der nächsten 20 Jahre damit, in diesem Sinne digitale Materialien verfügbar zu haben.

So oder so: es habdelt sich in beiden Fällen um “digitale Fabrikation”, was eben auch bedeutet mit diskreten und universalen Einheiten oder Grundbausteinen zu operieren, und hier sieht Gershenfeld “so eine Art Mikro-Lego” am Horizont seiner Forscher-Träume, also Bausteine, die universal verwendbar sind und sich zu beliebigen Dingen – “almost anything” – zusammensetzen lassen. Und nicht nur das – ebenso auch wieder auseinandernehmen lassen, das Material bleibt als solches also – wie das Vorbild Lego-Stein – für weitere Verwendungen verfügbar, was ja mit Blick auf ökologische Erfordernisse ja mit einem Schlag all diese Probleme mit der Umweltmüll, genauso wie Ressourcenknappheit erledigen würde…man mag ja kaum so recht gleich dran glauben, zu schön um wahr zu sein, sagt hier die skeptische innere Stimme der Vernunft. Man wird sehen.

Festhalten können wir allerdings: die zentralen Prinzipien sind 1) Universalität, und 2) Homogenität. An was erinnert uns das denn nun?

In diesem gleichen Heft der Technolgy Review gibt es ein “historisches Gespräch”, ein fiktives Interview mit Oskar von Miller, einem Ingenieur, der zwischen 1855 und 1934 in München gelebt hat und dessen bleibender Verdienst darin besteht, die Elektrifizierung in Deutschland vorangetrieben zu haben. Es ist wahrhaftig interessant sich das noch einmal vor Augen zu führen, dass die Menschen ja damals von den Vorteilen der Elektrizität überzeugt werden mussten, dass man damals bei Elektrizität nur an das Licht dachte, und Oskar von Miller Überzeugungsarbeit leisten musste um klar zu machen dass sich ja auch Elektromotoren so betreiben lassen… und dass die Elektrizität damals in Hinterhöfen von kleinen Generatoren, angetrieben von Dampfmaschinen, erzeugt wurde. Oskar von Scwemmer hat die Grundlagen dafür gelegt, dass die Elektrizität zentral in Kraftwerken erzeugt und von da über Leitungen in die Haushalte verteilt worden ist. Erst so war es möglich, die Elektrizität und ihre Nutzung zu einem festen Kulturbestandteil werden zu lassen, zu einer festen und kalkulierbaren Grösse, auf die sich all die zahllosen Erfindungen und Innovationen stützen konnten, die als Energiequelle die jederzeitige Verfügbarkeit elektrischer Energie voraussetzen.

Wegen der enormen Wichtigkeit dieser Energiequelle und der Wichtigkeit der Tatsache, dass sie auch zuverlässig und jederzeit in der erforderlichen Menge verfügbar ist, für private Haushalte ebenso wie für die Industrie, hat man die Erzeugung der elektischen Energie lange Zeit nicht dem Spiel der Marktkräfte überlassen. Kraftwerke zur Energieerzeugung waren lange in öffentlichem Besitz, sie waren eine wichtige Aufgabe der kommunalen Stadtwerke, bis der Privatisierungswahn die politischen Gestalter in die ideologische Verblendung trieb, und sie die Energieerzeugung privater Gewinnsucht in die Hände gaben. Möglich und sinnvoll, die Energieerzeugung in öffentlicher Regie zu betreiben war es deshalb, weil es sich bei der Elektrizität um ein vollkommen homogenes Gut handelt, und eben um ein sehr wichtiges und basales. Elektrizität kommt für jeden Verbraucher vollkommen gleichartig aus der Steckdose, vollkommen ununterscheidbar, und einen “Yellow Strom” hat erst die Gewinnsucht privater Energieerzeuger erfunden, die sich von so einer Phantasie-Benamung erhofften, die Verbraucher zu blenden und ihnen vorzumachen es handle sich um einen irgendwie anderen oder besseren Strom, der darum auch ein bischen teurer sein darf.

Digitale Fertigung macht Konsumgüter ebenfalls zu einem homogenen Gut. Bezogen wird gewissermassen eine bestimmte Menge vollkommen gleicher intelligenter Lego-Bausteine: zu welchem Konsumgut die sich beim Konsumenten in dessen Haushalt formen, ist vollkommen in dessen Ermessen gestellt, und den Legosteinen und dem Prozess auch vollkommen egal. Und wenn es sich nicht um intelligente Legosteine handelt, aus denen ein Konsumgut aufgebaut wird: dann bezieht der Konsument nur die “Bits und Bytes”, und ein universaler “Additiver Fabricator” baut aus diesen Bits und Bytes im Haushalt des Konsumenten das Konsumgut zusammen.

So wäre das im Prinzip. Da aber ersichtlich – das sagt auch schon der Blick auf den gegenwärtig erreichten State of the Art in dieser Branche – die Entwicklung noch sehr lange und möglicherweise Generationen lang dauern wird, bis es wirklich universale und kleine und selbstreplizierende und allgemein verfügbare Fabrikatoren für “allmost anything” geben wird, wird es zunächst verschiedene Spezial-Fabrikatoren geben, Spezialisten für unterschiedliche Grössen der Bauteile, unterscheidliche Materialien, unterschiedliche Baugeschwindigkeiten, Komplexitäten etc etc, so wie es im Laufe der Geschichte der Computer auch sehr unterscheidliche Rechnermodelle mit verschiedenen Anwendungsschwerpunkten gab, obwohl der Computer an sich die universalste Maschine ist die man sich überhaupt denken kann.

Und diese unterschiedlichen Maschinen, all das was dazu gehört sie zu betreiben, fachkundige Menschen sicher auch, die Software, die Kapazitätsplanung, also sozusagen eine Fabrikatoren-Fabrik, eine geballte Ansammlung von universaler Fabrikations-Kapazität: all das sollte sich eines schönen Tages in öffentlichem Besitz befinden, vielleicht – wie die Stadtwerke – auf kommunaler Ebene, und ermöglichen, dass die Menschen ebenso wie früher auf die Stromerzeugung auf diese Produktionskapazität zugreifen können und sich darauf verlassen, dass sie verfügbar ist, und das alles dann zu einer angemessen Kostenbeteiligung, von der man annehmen kann, dass sie so sein wird, dass sich die Versorgung mit Konsumgütern auf diese Weise insgesamt drastisch verbilligen wird.

Die durch das Internet gegebenen Möglichkeiten, aktiv an der Entwicklung von Produkten und Verfahren, von Materialien und Entwürfen mitzuwirken, ist ja dadurch nicht behindert, im Gegenteil lassen sich diese Möglichkeiten so erst umfassend ausarbeiten und institutionalisieren.

Jedenfalls kommt es darauf an, die Produktion von Konsumgütern in öffentlichen Besitz zu verlagern und zu übertragen, denn das Spiel der Marktkräfte ist zu unberechenbar und zu unzuverlässig geworden, als dass dies zu einer sicheren und planbaren Lebensgestaltung auf lange Sicht noch die Basis sein könnte. Wir müssen uns verlässlichere Grundlagen der Existenzsicherung schaffen. Die Märkte werden in Zeiten hoher Marktsättigung zu volatil, die Bedarfe sind zu grossem Teil Luxuskonsum geworden, der ohne weiteres aufschiebbar ist, wenn sich am Konjunkturhimmel Wolken zeigen, so wie in der Gegenwart schon wieder einmal. Und dann kontrahiert die Wirtschaftstätigkeit, die Umsätze gehen zurück, und all die vielen gering beschäftigten und schlecht bezahlten Menschen, deren Konsum keineswegs aufschiebbar und Luxuskonsum geworden ist, müssen darunter leiden.

Commons und Open Source sind in der Gegenwart gewissermassen die Spielwiese, auf der diese Prinzipien erprobt werden können, nach denen später einmal Wirtschaftsprozesse gestaltet sein werden. Aber wir werden diese Prinzipien institutionalisieren müssen und in die politischen Verfassungen und die öffentlichen Grundgerüste der Existenzsicherung einkonstruieren und einbauen.

Dann können wir unter Umständen besseren Zeiten entgegensehen.

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Es gibt einen neuen schönen kleinen Artikel von Alexander Dill auf TELEPOLIS:

Same procedure as 2008

… der das ausweglose Elend beschreibt, in dem wir stecken mit einer real nicht mehr wachstumsfähigen Wirtschaft: unser Wirtschaftswunder haben wir gehabt, die Erhardtsche “soziale Marktwirtschaft” ist gereift, und ausgewachsen!

Eine den tatsächlichen Leistungsbeiträgen zur Wertschöpfung angemessenere Verteilung, auch eine der Bedürftigkeit etwas angemessenere Verteilung könnte eine Zeit lang noch zu weiterer “Nachreifung”, also zu weiterem realem Wachstum verhelfen, aber die fundamentalen Gossenschen Sättigungsgesetze würde auch das nicht aushebeln können. Die Welt ist irgendwann voll, die Lagerfähigkeit ist nicht unbegrenzt, und die Konsumfähigkeit der Menschen ist es auch nicht. Ab einer bestimmten Höhe des Einkommens fangen alle an davon zu träumen, von Zinsen und Kapitalerträgen zu leben… jedenfalls wollen sie mit am Roulettetisch sitzen, und Kapitalerträge erwirtschaften. Und was den Hunger nach Kapitalerträgen angeht – da ausgerechnet versagen die Gossenschen Sättigungsgesetze…

Raus kommen wir da offensichtlich nur ganz anders. Langfristig und nachhaltig, aber: wird sich wohl noch hinziehn.

Bis dahin: Kämpfen an der Urne.

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