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Über das Wie und das Warum

von Ludger Eversmann am 21. Mai 2010

Warum? Wer weiss warum er etwas tut, hat Sinnwissen. Wer weiss wie er etwas tut, hat Werkzeugwissen, Fachwissen, oder funktionales Wissen. Die Engländer sagen zu diesem Werkzeugwissen know how – das sagt doch alles. Und zum Sinnwissen sagen sie know why. Wer es mit dem Sinnwissen genauer nehmen will, wendet sich an die Philosophen, und wer es mit dem Werkzeugwissen genauer nehmen will, wendet sich an die jeweilige Fachdisziplin, oder er googelt, oder fragt jemand, der sich auskennt.

Wir – als Kultur, als Menschheit, als Zivilisation – haben ja eine enorme Menge an know how angesammelt. Wer könnte das alles überschauen. Das ist ja wohl gar keine Frage. Oder gibt es ein Fachgebiet, wo man sagen würde: könnten wir doch dies oder jenes besser? vielleicht bessere Autos bauen, so dass sie eine Überquerung des Arlbergpasses klaglos überstehen, ohne dass sie anfangen zu kochen? na das ist lange her. Da hat es Fortschritte gegeben! Da liegt wohl nicht so richtig unser Problem. Wir waren auf dem Mond, wir haben heute alle ein grosses Heimkino im Wohnzimmer installiert, luxuriöse automatische Kaffeemaschinen und Waschmaschinen und Kochmaschinen und sich selbst nachfüllende Kühlschränke. Insofern kann man ja sagen, wir sind reich geworden in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts.

Manche sind so reich geworden, dass sie es lächerlich und kindisch finden, von ihrem vielen Geld etwas auszugeben. Sie finden es spannender aus dem Geld immer mehr Geld zu machen. Einfach so, weil das so die Nerven kitzelt. Das Geld ausgeben überlassen sie ihren Frauen, oder Kindern. Sie wollen lieber mit dem Geld jonglieren und investieren und über Investments palavern. Das ist der wahre Edelluxus. Richtig reich sein, so dass man das nur in den grossen Zahlen auf Konten und Aktiendepots sehen kann. Und wenn es von solchen superreichen Menschen viele gibt, gewissermassen zu viele, dann kann unser ganzer schöner Reichtum und Wohlstand, ins Schlingern und Schwanken und Kippen geraten. Möglicherweise ist das gerade unser Problem. Wir stecken ja nun seit längerem in der sogenannten Finanzkrise, und hin und wieder gibt es ja auch die Erklärung, das käme alles von den vielen Schulden. Die amerikanischen Immobilienkäufer wollten sich auf einmal besinnungslos überschulden, und jetzt sind es die Griechen, und die Spanier sind vielleicht bald dran, und irgendwie wir alle. Ja wie kam es denn dass die amerikanischen Immobilienkäufer auf einmal all diese Kredite bekamen, ohne dass die Banken sich gross um die Bonitätsprüfung gekümmert hätten? Weiss man das eigentlich? Ganz genau, und zweifelsfrei? Immerhin gibt es hier ein paar Erklärungen, aus zuverlässiger Quelle, immerhin öffentlich-rechtliches Deutsches Fernsehen. Da kann man ja mal denken dass die nicht lügen, und einem wenigstens die halbe Wahrheit erzählen. Wenn man sich das so anschaut, könnte man auf die Idee kommen: es waren all die Menschen mit dem vielen Geld – stellvertretend für diese: die Banken – die auf die Idee gekommen sind, die Hürden bei der Kreditvergabe ein wenig zu lockern – denn sonst könnten sie ihr vieles Geld nicht verleihen, und ihr Geld nicht mit Zinsen vermehren. Dann läge es einfach so da rum. Wenn man es aber verleihen kann, ruhig auch an wenig kreditwürdige Schuldner, weil man diese faulen Kredite schön undurchsichtig verpackt weiterverkaufen kann – dann ist doch alles gut. Jedenfalls solange bis dieses stinkende Kartenhaus zusammenfällt, und die Banken dann vom armen Rest der Welt gerettet werden wollen.

Wie?

Aber wieder zurück zum Wie und dem Warum. Zum “Wie” kann man auch ne Menge lustige Sachen mal nennen, was so alles geht heute, was einen zum Staunen bringt. Zum Beispiel Roboterfussball: die machen sich einen Spass daraus, Roboter gegeneinander Fussball spielen zu lassen, auf der Robotics 2010. Und was auf der Hannover Messe Industrie so alles los ist. Die “Impressionen” zu Industrial Automation zum Beispiel. Das ist der Fortschritt. “Zukunft wird gemacht” heisst das Motto dieses Jahr. Die Zukunft… wo soll das alles denn nun eigentlich bloss hin? Ich frag mich wie die einerseits so fröhlich ihre Automationsfortschritte präsentieren können, und träumen aber doch immer weiter von der Vollbeschäftigung. Wir haben auf der einen Seite diese immer kompletter werdende Automation, so dass natürlich in der Industrie immer weniger Menschen Beschäftigung und Einkommen finden können, und haben auf der anderen Seite auch noch diese Nachfragelücke! Weil so viele Menschen schon eigentlich alles haben, und mit ihrem vielen Geld dann lieber spekulieren und es investieren wollen, als es auszugeben. Was wird denn da für eine Zukunft gemacht? Hat das denn nun eigentlich einen Sinn? Wer wüsste denn eigentlich davon?

Es gibt aber nun noch mehr Dinge die passieren. Die auch enorm erstaunlich sind! zum Beispiel diese neue Stufe der “digitalen Revolution“: Maschinen die alles bauen können was man sich ausdenken kann! Das ist schon mal ein ganz neues, und ein ganz dickes Ding. Die Wissenschaftler, die das gegenwärtig vorantreiben – unter anderen Neil Gershenfeld vom Massachusetts Institute of Technology- nennen das “the next big thing”, nach der nun etwa 50-jährigen Geschichte des Computers. Was da so langsam ranwächst, das ist ganz offenbar auch Automation, aber es sieht doch irgendwie anders aus, als das was auf der Hannover Messe Industrie passiert. Warum – na erstmal weil diese Dinger klein sind! So klein eben dass sie auf einen Schreibtisch passen. Na und wenn mal jeder da ein Kästchen stehen haben kann, das einem alles fabrizieren kann was man sich so auszudenken vermag – sieht das Leben doch schon ganz entspannt aus. Was wäre das für eine Zukunft? was wird dann aus all dem vielen grossen Geld und dem grossen Geschäft und dem Wirtschaftswachstum? geht das denn überhaupt – eine Maschine die alles bauen kann?

RepRap Mendel


Makerbot

Also diese kleine Maschine kann immerhin schon sich selber bauen, oder jedenfalls so circa die Hälfte ihrer eigenen Bauteile. Das behauptet jedenfalls ihr Erfinder, Prof. Adrian Bowyer, und man kann sich so ein Ding auch gleich bestellen für weniger Geld als eine mittelmässige Kaffeemaschine. Also was können diese Dinger? Bei Wikipedia stehen ein paar Sätze zur digitalen Fabrikation, und dass es erst richtig spannend wird, wenn das mit der Nano Fabrikation richtig klappt, denn dann gibt es richtig komplette universale Fabrikation. Das wäre doch nett.

Aber nochmal kurz zurück zur Hannover Messe Industrie, bzw. einfach zur “grossen”, alten Industrie: es gibt schon noch mehr Gemeinsamkeiten zwischen dieser Industrie und den – mehr oder weniger – universalen Fabrikatoren. Es gibt seit einigen Jahren in der produzierenden Industrie einen starken Trend zur Individualisierung, weg von der Massenware, dem fordistischen Massenprodukt, hin zu immer engerer Bindung und Kooperation mit dem Kunden, der einem Hersteller immer genauer klar machen kann was genau er gerne haben möchte, so dass er gewissermassen am Ende dieses Kooperationsprozesses den Massanzug bekommt statt dem Anzug von der Stange, der aber trotzdem genau so wenig kostet, oder fast genau so wenig. Dieser Trend heisst Mass Customization, und symbolisiert gewissermassen einen bestimmten Punkt einer gesamten Entwicklung der Industrialisierung, die gekennzeichnet ist durch Automation von Fertigungsprozessen auf der einen, und von Individualisierung und Flexibilisierung auf der anderen Seite. Damit verbunden ist auch ein allmähliches Einander-näher-rücken von Produzent und Konsument, bis sie so sehr verschmolzen sind, dass sie voneinander kaum noch zu unterschieden sind: dann ist daraus der Tofflersche Prosument geworden, jemand, der Produzent und Konsument gleichzeitig ist. Ja und wer nun so einen Universalen Fabricator besitzt – na der ist doch wohl in einem kaum mehr übertreffbaren Masse ein Prosument: er produziert für sich selber, seinen eigenen Bedarf, und trotzdem hochindustriell, in bester Qualität, auf der Höhe der Zeit, und gleichzeitig einfach und mühelos – ja das wär doch sicher eine ganz feine Sache.
Ja und dann? Dann sind wir langsam wieder bei der Frage nach dem Sinnwissen. Woher können wir das denn nun eigentlich beziehen? Wo steht denn da was darüber, so dass man dann auch denken kann das stimmt auch? Muss das denn nicht sowieso jeder für sich selber wissen? Kann das überhaupt jemand für alle wissen oder sagen, alle Menschen? auf der ganzen Welt? Amerika und Grönland und Westafrika und Afghanistan? Also mein Freund Schiller hat das ja gemacht, jedenfalls kann man das mal so verstehen, wenn man will, in der Ode an die Freude: alle Menschen werden Brüder. Und so wie sein grosser Verehrer Ludwig van Beethoven das dann am Ende seines Lebens vertont hat – das kann einen schon überzeugen, finde ich. Da geht was ab. Das schickt einem Schauer über den Rücken, mir jedenfalls, und deshalb schaue ich mir das jedes Jahr wieder an, in Hamburg in der Musikhalle. Das lässt keinen Zweifel offen, da ist irgendwie was dran.
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Alle Menschen werden Brüder. Aber Schiller hat ja viel mehr gesagt, und sich dabei wiederum von Kant inspirieren lassen, als das damals so los ging mit der Aufklärung. Schiller war der grosse Freiheitsfreund, und Kant war der mit der Autonomie. Na gut, also Freiheit, Autonomie, das hing wieder mit der Menschenwürde zusammen, und Brüderlichkeit. Das wäre doch mal nicht so schlecht. Da hätten wir ein wenig Sinnwissen. Von Schiller, Kant und Beethoven. Aber es sind natürlich überhaupt nicht nur Schiller und Beethoven die uns über Sinn etwas mitteilen und offenbaren können: das macht doch genauso gut jeder Künstler, jedes Kunstwerk dem ein in Freiheit und Hingabe schaffender Künstler sich hat widmen können, jede Musik die mit Leidenschaft und Sehnsucht und Träumen geschaffen und vorgetragen worden ist erzählt uns vom Sinn des Menschseins, und macht uns Hoffnung darauf, dass eines jeden Menschen Sehnen nach Erfüllung und Befreiung eines Tages zu ihrem Recht kömmen möge. All das gibt uns das Gefühl dass wir nicht allein unterwegs sind auf diesem langen langen Weg, und dass es ein Ziel gibt für das es sich lohnt, all das zu unternehmen und ins Leben zu rufen wozu wir Menschen in der Lage und fähig sind…

Jetzt wieder zu den Fabrikmaschinchen!

Die fallen ja nicht vom Himmel, und was die können muss sich auch jemand ausgedacht haben. Wenn die was bauen können, was “ausdrucken”, dann haben die dazu eine Datei, so wie ein Drucker eine Datei hat die ihm sagt wo er welches Tintenkleckschen hinsprühen soll, um einen Text auszudrucken. Man nennt das auch Datenmodell, so eine digitale Fassung von einem Ding, einem Produkt, von irgendwas was dieser Fabricator machen soll. Wenn dieses Datenmodell irgendwo liegt, auf einem Speichermedium, vielleicht einer Art Wikipedia für Datenmodelle, dann kann jeder sich das herunterladen, an seinen Fabber schicken, dann fängt der an zu fabrizieren, und irgendwann ist das Ding fertig, und man hats geschafft, dass mans hat. Und wenn dann alle brüderlich ihre Datenmodelle basteln und ins Wikipedia stellen, und die Fabber auch keinen Mist produzieren, dann könnten wir doch irgendwann in einer Zukunft landen, in der man sich wenigstens keine Sorgen mehr machen muss, wie man an diese Dinge kommt, die sonst – bis heute – bloss für Geld zu haben sind. Und wenn einer kein Geld hat, gibts da ein Problem. Diese Dinge könnten dann aber für – fast – kein Geld zu haben sein, im Prinzip. Aber wie das mit dem Geld oder ohne Geld dann genau aussehen könnte – da streiten sich noch die Geister ganz enorm, und man weiss es einfach noch nicht so genau…

Jedenfalls – wozu: Freiheit, Brüderlichkeit, Menschenwürde, Autonomie, Gleichheit und Sicherheit,
und wie: mit Geduld und Spucke! mit Erfindergeist und Verstand, mit Liebe zur Sache und zu den Menschen, mit kluger Technik und Wissenschaft, Augen auf und Arsch hoch! dann wirds schon auch was Ordentliches werden.

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