Einleitung
Seit den frühen 1990er Jahren ist in verschiedenen Foren und wissenschaftlichen als auch außerwissenschaftlichen Kontexten von einem neuen „Produktionsmittel“ die Rede, an das teilweise große Zukunftserwartungen geknüpft werden, und von dem einige Autoren eine besondere Leistungsfähigkeit erwarten, wie sich vielleicht schon aus den Benennungen für diese Maschine erahnen lässt, die sich im Laufe der Jahre dafür gefunden haben: etwa „Santa-Claus-Maschine“, ein Name der diese erwartete Eigenschaft ins Bild setzt, in geradezu weihnachtlich üppiger Fülle freigiebig mit Produkten und Erzeugnissen zu sein, oder die von dem Wissenschaftsjournalisten Niels Boeing geprägte Wortschöpfung „Marx-Maschine“, die die Erwartung fundamentaler gesellschaftlicher Veränderungen ausdrückt (Boeing 2008); der Physiker und Informatiker Neil Gershenfeld nannte sie auch „die Mutter aller Maschinen“, weil sie eine Maschine sein soll, die jede erdenkliche Maschine bauen kann, einschließlich einer Kopie ihrer selbst, womit er gedanklich anknüpft an das Maschinenmodell der Theoretischen Informatik, die Universale Turing Maschine, die eben jede beliebige spezielle Turing Maschine zur Ausführung bringen kann; diese im Zweidimensionalen (Bits) erreichte Universalität will Gershenfeld mit dieser „Mutter aller Maschinen“ ins physikalische Reich des Dreidimensionalen (Atoms) übertragen (am „Center for Bits and Atoms“; Gershenfeld:2005).
Im Jahre 2008 erschien ein Aufsatz einer Forschergruppe um den US-amerikanischen Computerwissenschaftler Hod Lipson mit dem Titel „Universal Desktop Fabrication“ (Vilbrandt et al 2008: 259–284), in dem nun diese im Bereich der Produktionswissenschaften entstandene Entwicklung (zuerst als „Rapid Prototyping“; vgl. Gebhardt 2006a) zum ersten Mal in Verbindung mit dem umfassenden Anspruch der Formulierung eines neuen Paradigmas der Produktion vorgestellt worden ist. „Universal Desktop Fabrication“ wird hier in Verständnis und Anspruch deutlich abgesetzt von dem zumindest in der Anwendungspraxis üblichen Verständnis als Ergänzung oder Spezialanwendung von Nischentechnologie innerhalb der geläufigen großindustriellen Fertigungsverfahren; es wird vorgestellt und theoretisch entwickelt mit dem Anspruch, eine umfassende, mächtige und universal einsetzbare Alternative zu sein zu den bekannten konventionellen industriellen Verfahren, „capable of rapidly manufacturing almost any arbitrary, complete, high-quality functional object“; und dies auf eine Weise die beabsichtigt „to be inexpensive, simple, safe and intuitive to operate, open to user modification and experimentation“.
Die in der vorliegenden Arbeit bearbeitete Fragestellung ist nun die: verlangt oder erzwingt gar ein solches neues „Paradigma der Produktion“ auch ein neues „Paradigma der Ökonomie“? Oft wird solchen Fragestellungen gegenüber eingewandt, diese Technologie ermögliche gegenwärtig für den Endverbraucher nur die Produktion von allerlei Entbehrlichem, von Spielzeug, dies überdies nur aus einem einzigen Material. Unterstellt man aber einmal in gedanklicher Vorwegnahme des erforderlichen Reifungsprozesses einen erreichten Reifgrad dieser Technologie derart, dass so ein UDF-System beispielsweise innerhalb von 10 Stunden zuerst eine Spülmaschine, einen Herrenpullover, dann ein Mobiltelefon und schließlich vielleicht ein Elektrofahrrad fabrizieren kann, dies alles in bester Qualität, zur vollsten Zufriedenheit der potentiellen Konsumenten und ohne etwa exzessiv viel Energie und/oder Rohstoffe zu verbrauchen: dann lägen erhebliche ökonomische Konsequenzen aber doch ganz offensichtlich auf der Hand.
Wie kommt man nun zu einer Einschätzung? In Vorwegnahme der einleitenden Entwicklung des Aufbaus der Arbeit wird diese Frage aufzugliedern sein in die folgenden vier Aspekte oder Fragestellungen: 1. die technische oder technologische nach dem Potential und der inneren Entwicklungslogik dieses Paradigmas; 2. die ökonomische nach der gegenwärtigen Situation der Ökonomie und deren Entstehungsgeschichte; 3. die hypothetisch-ökonomische nach der Verfassung einer Ökonomie unter der Voraussetzung der Verfügbarkeit dieser Technologie auf einem denkbar hohen Reifeniveau; und 4. die sozialphilosophische nach der Wünschbarkeit so zur Vorstellung kommender ökonomischer Zustände. Diese Fragestellungen werden im Folgenden also zu erörtern sein. Die Entwicklung des Gedankens soll hier zunächst fortgesetzt werden mit der Betrachtung des Verhältnisses zwischen Technologie und Anwendungskontext.
Erfahrungen im Umgang und mit der Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnik (IuK) allgemein lehren, dass hier immer zweiseitige Beziehungen bestehen zwischen der Technik oder Technologie, und ihrem (meist ökonomischen) Anwendungskontext: einerseits hat die Technik die Funktion eines „Enablers“, indem sie – einmal vorhanden – neue Anwendungen ermöglicht, an die ohne sie bis dahin nicht zu denken gewesen wären. Auf der anderen Seite entstehen aus dem Bereich des Anwendungsumfeldes, der Ökonomie allgemein oder etwa speziellen betrieblichen Situationen bestimmte Anforderungen an die IuK, die im weitesten Sinne eine Wirkung wie eine Beauftragung entfalten und zu besonderen Entwicklungen führen, die eben so ein ganz bestimmtes Anforderungsprofil erfüllen (vgl. Scheer 1990:VIII).
Wenn man so will, lässt sich der genannte Zusammenhang auf einer übergeordneten, geschichtsuniversalen Ebene auch in folgendem Gedanken aus dem Vorwort zur Politischen Ökonomie von Karl Marx wiederfinden: „Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft ausgebrütet sind. Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet, wird sich stets finden, dass die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozess ihres Werdens begriffen sind.“ (Marx 1969:720) Die Betrachtungsebene ist hier also eine andere: der betrachtete geschichtliche Zeitraum ist global und geschichtsuniversal, und statt von (betrieblichem) Anwendungsumfeld ist von gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen die Rede, in denen die (betriebliche oder sonstige) Form der Organisation eine Variable ist. Es lässt sich aber eben auch hier das beschriebene wechselseitige Verhältnis zwischen gesellschaftlicher „Aufgabenstellung“ (das Ausbrüten der neuen Produktionsmittel) und technisch ermöglichter Lösung wieder finden: die Aufgabe entspringt erst, wo die materiellen Bedingungen (…) im Prozess ihres Werdens begriffen sind, dann aber wirkt die so entstandene Aufgabenstellung auf die Entwicklung der Technik zurück.
Es wird zu zeigen sein, dass dies – auch in dieser übergeordneten Betrachtungsweise – auch für den Fall der genannten Produktionstechnologie gilt. Darüber hinaus wäre die im vorliegenden Zusammenhang zu beantwortende Fragestellung eben die nach der Art und Beschaffenheit der „höheren Produktionsverhältnisse“, und in welchem Verhältnis sie möglicherweise zu den hier beschriebenen Produktionsmitteln stehen: ob es sich hier möglicherweise um eben dieses Verhältnis von Ermöglichung und Aufgabenstellung handelt, das sich hier im geschichtlichen Raum abzuzeichnen beginnt.
Es wird zunächst der gegenwärtig erreichte Stand des „Additive Manufacturing“ kurz umrissen sowie das Paradigma der Universal Desktop Fabrication ausführlicher vorgestellt (1). Die vorgestellte Entwicklung soll anschließend in vorliegende Modelle der historischen Entwicklung in Ökonomie und Technologie eingeordnet werden (2). Es soll hier insbesondere gezeigt werden, dass es sich bei derartigen universalen, hoch flexiblen sowie simultan hoch produktiven Fabrikationssystemen um Manifestationen einer durch die Entwicklungsgeschichte von ökonomisch angewandter Technologie sich entfaltenden Entwicklungslogik handelt, in deren Kontext derartige „Universale Schreibtisch Fabriken“ nicht etwa als punktuell und mehr oder weniger zufällig auftretende innovative Inspirationen einzelner Forscher oder Forschungsprojekte zu verstehen sind, sondern als Kulminationspunkt einer Evolutionsgeschichte von in wirtschaftlichen Kontexten angewandter Technologie. Wegen des genannten wechselseitigen Beeinflussungsverhältnisses zur umgebenden Wirtschaftsentwicklung folgt ein kurzer Abriss der Entwicklung von Wirtschaftssystemen, die ihrerseits wieder in sich fortentwickelnde Gesellschaftssysteme eingebettet sind (3). Es soll anschließend die oftmals mehr oder weniger implizite regulative Idee marktlich verfasster Wirtschaftssysteme explizit gemacht werden (4). Es kann nun in Abgrenzung dazu ein hypothetisches, abstraktes, ideales Modell einer der Technologie des UDF korrespondierendes Makro-Modell von Ökonomie entwickelt werden, unter der Voraussetzung der Verfügbarkeit dieser Technologie auf einem sehr hohen Reifeniveau (5). Dies kann dann als regulative Idee einer neuen Ökonomie auf Basis dieser neuen Produktionstechnologie vorgestellt werden, wenn sich sowohl für seine technische Realisierbarkeit als auch für seine sozialphilosophische Wünschbarkeit Plausibilitäten benennen lassen.
Nachdem problematisiert worden ist, dass ein „ideales“ makroökonomisches Modell auf Basis des UDF eben als regulative Idee, also im geschichtlichen Raum nie vollständig realisierbare Zielgröße verstanden werden muss, das zur realen Ökonomie in etwa dem gleichen Spannungsverhältnis stehen wird wie die ideale Kommunikationsgemeinschaft der Diskursethik zu realer praktischer Politik und realen Gesellschaften, wird dennoch unterstellt, dass praktische Wirtschaftspolitik sich zunehmend diesem Ideal als orientierungsleitender Idee verpflichten muss, statt der immerwährenden Perpetuierung und Erweiterung von wirtschaftlichem Wachstum als Kapitalertragssteigerung, und Vollbeschäftigung. Die resultierende praktische Fragestellung (6) wäre also: wie könnte ein derartiges neues Paradigma in langfristige praktische wirtschaftspolitische Konzeptionen eingearbeitet werden? Wie könnte das Paradigma des UDF gesellschaftlich-praktisch gefördert werden? Als Beispiel wäre hier zu nennen der Report von Hod Lipson für das Whitehouse Office of Science & Technology Policy, in dem er zu umfassenden Empfehlungen zur Förderung dieser Technologie in Wirtschaft und Gesellschaft kommt (Lipson 2010). Als zu verfolgendes Ziel wird also unterstellt, dass diese Basistechnologie innerhalb der bestehenden marktwirtschaftlichen Ordnung zu größerer Reife entwickelt werden muss.
(1) Das Paradigma der Universal Desktop Fabrication
Generative oder additive Fertigungsverfahren sind seit Ende der 1980er Jahre entstanden vornehmlich zur Herstellung nicht funktionsfähiger Anschauungsmodelle in Entwicklung befindlicher Produkte aus einem einzigen Material, meistens Kunststoff (Rapid Prototyping). Diese Fertigungsverfahren beruhen grundsätzlich auf der Möglichkeit, 3D-Computerdaten in Gestalt von Schichtmodellen des herzustellenden Bauteils in präzises Aneinanderfügen von kleinsten Volumenelementen des verwandten Baumaterials umzusetzen. Die wissenschaftliche Fortentwicklung vollzog sich im Laufe der 1990er Jahre vorwiegend im Bereich der Produktionswissenschaften („Generative Fertigung“; „Additive Fertigung“; „Rapid Prototyping“; „Rapid Manufacturing“; vgl. Gebhardt 2006a; Bopp 2010; Burns 1993; Piller 1998;). Weiterentwicklungen dieser Verfahren in Richtung der Verwendung unterschiedlicher Materialien (auch Metalle), zunehmender Präzision der Werkstoffbearbeitung sowie der erlaubten Komplexität der Produkte führten zur Entwicklung von Verfahren und Maschinen mit dem Zweck der Fabrikation von Endprodukten (sogenannte Fabrikatoren oder Fabber). Der Amerikaner Marshall Burns stellte 1993 ein erstes umfassendes Buch über „Fabber“ vor (Burns 1993). B. Hinzmann entwickelte früh verschiedene Szenarien der Integration dieser neuen Technologie in das Alltagsleben der Menschen, die mit Materialien und Rohstoffen sowie CAD-Daten über das Internet zu versorgen wären, um im Haushalt (Home) Fabber zur Herstellung ihrer individuellen Konsumgüter nutzen zu können (Hinzmann 1996):
Ein sehr guter Überblick über die Entstehungsgeschichte der Technologie sowie eine in allerlei Zukunftsszenarien ausgearbeitete Diskussion der zu erwartenden Weiterentwicklung findet sich bei Neef et al. (Neef et al. 2005 ; vgl. auch etwa Anderson 2010; Wohlers 2008:136; Easton 2009:42-47). Die Zeitschrift Technology Review widmete dem Thema Rapid Manufacturing einen Focus (Heft 04/2011) mit einem guten Überblick über den erreichten State of the Art. Ein oft zitiertes Beispiel für ein in additiver Fertigung entstandenes Produkt ist etwa eine Kunststoffgeige aus dem Kunststoff „Peek HP3“, die von der Herstellerfirma des eingesetzten Fabrikators auf einer Messe von einer Geigenvirtuosin eindrucksvoll zum Klingen gebracht worden ist (Richter 2011:72). Eine besondere Schwierigkeit des Herstellungsverfahrens liegt in der Anforderung, die gewünschten Materialeigenschaften (neben den Klangeigenschaften: Sterilisierbarkeit, Chemikalienresistenz, bestes Brand-, Rauch-, Toxititätsverhalten) im additiven Prozess mit zu erzeugen. Als weitere Anwendungsfelder werden die Herstellung medizinischer oder zahnmedizinischer Produkte wie Prothesen der Extremitäten oder Zahnersatz genannt, besonders anspruchsvoll und komplex designte Möbelstücke („Mikado-Hocker“), eine Kunststoff-Kopie der Mumie des Tutanchamun, oder ein „Akkuschrauber auf Rädern“, ein Studentenjux der HAWK in Hildesheim, der darin besteht skurrile Fahrzeuge zu entwerfen die in jedem Fall von einem 18-Volt-Akkuschrauber angetrieben werden müssen, also eine Art Modell-Rennwagen von 6 kg Gewicht, dessen Ausdruck mit dem additiven Fabber zehn Tage in Anspruch genommen hat. (Honsel 2011:68). D. Dilba (Dilba 2011:70) gibt einen schönen Überblick über die gegenwärtig verfügbare Praxis der “Mini-Fabrik im Wohnzimmer”, mit deren Hilfe es möglich ist eine große Vielzahl von eher entbehrlichen (z. B. Schmuckstücke) oder alltagstauglichen (z. B. Ersatz für zerbrochenes Brillengestell) Gegenständen herzustellen. Auf der Webseite www.thingiverse.com sind Tausende von digitalen Bauplänen verfügbar, die da auch abgelegt oder getauscht werden können; dies ist ebenfalls das Prinzip der Firma Shapeways (www.shapeways.com), auf deren Datenbank rund 80.000 Produkte als digitaler Bauplan verfügbar sind, und die im Schnitt wöchentlich um etwa 2500 neue Produkte erweitert wird, von eben den Anwendern, den „Kunden“ dieser Firma. Zu erwähnen wäre schließlich noch ein wissenschaftliches Projekt, das sich dem Thema Generative Fertigung widmet, nämlich die Fraunhofer-Allianz Generative Fertigung, die sich unter der Mitwirkung von 11 Fraunhofer-Instituten der Forschung auf diesem Gebiet annimmt (Fraunhofer-Institut 2011).
Die bislang mit dem umfassendsten theoretischen Anspruch aufgetretene Publikation zu diesem Gebiet dürfte der genannte Aufsatz mit dem Titel „Universal Desktop Fabrication“ sein. Hier wird eben explizit der Anspruch formuliert, ein universal verwendbares Herstellungsverfahren für beliebige voll funktionsfähige Konsumgüter auf der Basis verschiedener Materialien zu formulieren und vorzustellen. In einer Zusammenfassung ihres Aufsatzes charakterisieren die Autoren ihr Paradigma wie folgt: “Advances in digital design and fabrication technologies are leading toward single fabrication systems capable of producing almost any complete functional object. We are proposing a new paradigm for manufacturing, which we call Universal Desktop Fabrication (UDF), and a framework for its development. UDF will be a coherent system of volumetric digital design software able to handle infinite complexity at any spatial resolution and compact, automated, multi-material digital fabrication hardware. This system aims to be inexpensive, simple, safe and intuitive to operate, open to user modification and experimentation, and capable of rapidly manufacturing almost any arbitrary, complete, high-quality, functional object. Through the broad accessibility and generality of digital technology, UDF will enable vastly more individuals to become innovators of technology, and will catalyze a shift from specialized mass production and global transportation of products to personal customization and point-of-use manufacturing. Likewise, the inherent accuracy and speed of digital computation will allow processes that significantly surpass the practical complexity of the current design and manufacturing systems.” (a.a.O.)
Es wird also der Anspruch formuliert, Fabrikationssysteme mit der Kapazität zu entwickeln, nahezu jedes beliebige komplette funktionsfähige Objekt auf der Grundlage verschiedener Materialien herzustellen. Diese Systeme sollen kompakt, einfach, sicher und kostengünstig sein, und in der Lage diese Objekte in kurzer Bauzeit in hoher Qualität herzustellen. Dieses Paradigma (UDF) werde eine Verlagerung von spezialisierter Massenproduktion und weltweitem Transport von Produkten hin zu einer „personal customization“ und einer Verbrauchspunkt-Fabrikation auslösen, also zu einer Fabrikation mit kürzester Distanz zwischen Konsumtion und Produktion.
Zur Funktionsweise dieser Systeme ist folgendes festzuhalten: sie bestehen aus einem Software-Teil, hier bezeichnet als „volumetric digital design software able to handle infinite complexity at any spatial resolution“, und einem Hardware-Teil, hier bezeichnet als „compact, automated, multi-material digital fabrication hardware“. Es wird im Software-Teil zunächst das herzustellende Objekt als Modell entworfen und schließlich in eine digitale Form umgewandelt, so dass dieses Modell von einer Maschine, eben diesem Hardware-Teil, in seine 3-dimensionale physische Gestalt umgewandelt werden kann. Wenn diese Entwürfe als maschinenlesbare Modelle von Produkten einmal geschaffen sind, können sie vollautomatisch, vollmaschinell in reale Objekte umgewandelt werden. Es ist zu beachten dass dieses Entwerfen durchaus auch nur in einer Auswahl des Konsumenten aus einer Ansammlung oder einem Katalog von bestehenden Modellen bestehen kann (die von einem externen Speichermedium eingelesen werden können), oder in einer Art von Editieren auf der Grundlage bestehender Modelle, die so also den persönlichen Wünschen und Bedürfnissen angepasst werden; diese Art von Design verlangt also nicht tatsächliche Designkenntnisse oder sonstige Kenntnisse bezüglich des angestrebten Fertigungsprozesse und ist insofern nicht unbedingt als in diesen Prozess eingehender Leistungsanteil zu verstehen, so wie die Produktauswahl, das ja unter Umständen durchaus mühevolle und aufwändige Vergleichen und Bewerten von Produkten im konventionellen Kaufverfahren ja nicht als originäre wertschöpfende Leistung betrachtet wird.
So weit also das Paradigma der UDF. Dieser Anspruch eines universal einsetzbaren Produktionssystems wird aber auch von anderen Wissenschaftlern vertreten; der Physiker und Informatiker Neil Gershenfeld kündigte in seinem 2005 erschienen Buch „FAB“ eine „kommende Revolution auf dem Schreibtisch“ an, und hob hier insbesondere die Parallelität der Entwicklung vom extrem kostspieligen Großrechner der 1950er Jahre zum erschwinglichen Personal Computer einerseits mit der von der industriellen Großfabrik (ebenfalls kostspielig!) zum (erschwinglichen) „Personal Fabricator“ andererseits hervor (Gershenfeld 2005), woraus er ebenfalls Rückschlüsse auf den zu erwartenden Grad der Verbreitung wie auch auf die Universalität der Anwendungsfelder zog. Gershenfelds ambitionierte Ziel-Vision der Entwicklung einer „Mutter aller Maschinen“ war schon genannt worden. Bei Neef et al. wird Gershenfeld mit folgender Aussage zitiert: „Momentan sind die Aufgaben [zur Produktentwicklung und –produktion; d. V.] in einer großen Firma aufgeteilt zwischen vielen Leuten und Abteilungen. In der Zukunft wird der Besitz über die Mittel der Produktion nicht mehr länger ein Geschäftsmodell sein.“ (Neef et al 2005:17; die Autoren verkneifen sich nicht die Bemerkung, dass Marx sicherlich seine Freude an dieser Technologie gehabt hätte.)
Als ein weiteres wissenschaftliches Projekt mit dem gleichen Gegenstand wäre das RepRap-Projekt des britischen Wissenschaftlers Adrian Bowyer zu nennen, der speziell dieses Forschungsziel verfolgt, eine selbstreplikationsfähige Maschine zu entwickeln, also eine Fabrikationsmaschine, die einen möglichst großen Teil ihrer Bestandteile selbst herstellen kann. Es wird hier als ökonomisch bedeutungstragende charakteristische Funktion die angestrebte Dezentralisierung der Produktion sowie die Übertragung dieser Technologie und der Maschinen, des „Kapitals“, in die Hände der Menschen genannt und formuliert (Bowyer 2007, Bowyer 2011). Der auf dem Gebiet der Generativen Fertigung in Deutschland führende Wissenschaftler Andreas Gebhardt sprach bereits 2006 von einem „Paradigmenwechsel von der heutigen Hersteller-induzierten Massenproduktion von Massenartikeln zur Verbraucher-induzierten (und verantworteten) Massenproduktion von Einzelteilen für jedermann“, die „geeignet ist, möglicherweise unsere Arbeits- und Lebensformen tiefgreifend zu beeinflussen“ (Gebhardt 2006b).
Es schließt sich nun der Versuch einer Einordnung dieser Entwicklung in eine Entwicklungslogik von Produktionssystemen an.
(2) Entwicklungslogik von Produktionssystemen
In einem groben Überblick kann man sich der Systematik nach A. Toffler (Toffler 1980) anschließen und seiner Einteilung der Stufen gesellschaftlicher und industrieller Entwicklung in drei Wellen:
1. Welle Agrargesellschaft
2. Welle Industriegesellschaft,
3. Welle Informationsgesellschaft
Jede Welle hat eine Produktionsart:
1. handwerkliche Einzelproduktion, dezentral; agrarische Produktionsstätten verschiedener Größenordnungen
2. zentrale Massenproduktion mit Mechanisierung und Automatisierung, große Stückzahlen, Fabrikhallen
3. dezentrale ‚schlanke’ Produktion, maßgefertigte Produkte
Jeder Produktionsart der drei Wellen entspricht nun eine Technologie:
1. Pflug, Techniken der Feldbewirtschaft, Handwerkzeug, Muskelkraft
2. mechanische Maschinen, Dampfmaschinen, Verbrennungsmotoren, Elektrizität
3. automatische Maschinen, IuK-Technologie Unterstützung geistiger Arbeiten
In einer etwas feineren Einteilung ließen sich folgende Evolutionsstufen nennen:
1. Urproduktion
2. antike Sklavenhaltergesellschaft mit der dominierenden Organisationsform des für den Eigenbedarf erzeugenden Oikos (römisch Domus); handwerkliche und überwiegend agrarische Produktion
3. Agrargesellschaft, Handwerksbetriebe, Zünfte
4. Manufaktur
5. Industrialisierung: spezialisierte Fabrik, fordistische Großindustrie, Großserien
6. Informationsgesellschaft: flexibilisierte Fabrik, Überwindung des traditionellen Antagonismus zwischen Flexibilität und Produktivität durch IuK-Einsatz (vgl. Piller 2000:138); Mass Customization
7. Open Innovation; Commons Based Peer Production; dezentrale Mini-Fabrik; „Wikinomics“ als Modelle organisatorischer, wertschöpfender Verflechtung von Produzent und Konsument sowie von Konsumenten bzw. Produzenten untereinander (vgl. R. Reichwald, F. T. Piller 2009; D. Tapscott, A. Williams 2010)
Offensichtlich ist die Entwicklungsrichtung der Produktionsarten bzw- -systeme gekennzeichnet durch einen zwar zunächst sehr schwachen, dennoch meist stetig positiven Produktivitätszuwachs, der durch Verfeinerung der Verfahren, später auch durch Nutzbarmachung mechanischer Energien gewonnen wird, und der zunächst zu Lasten der Flexibilität geht: Produktivitätszuwächse in den Manufakturen sowie den tayloristisch organisierten Fabriken der frühen Industrialisierung wurden durch Zergliederung und Spezialisierung der Arbeitsabläufe und eine resultierende Professionalisierung der Belegschaften erzielt, wodurch die erreichbaren Stückzahlen stark gesteigert werden konnten (economies of scale). Wie F. T. Piller in (Piller 2000) eindrucksvoll darlegt, konnte dieser „traditionelle Antagonismus zwischen Flexibilität und Produktivität“ ab Ende der 1980er Jahre durch zunehmenden Einsatz von IuK-Technologie allmählich aufgehoben werden. Dieser Entwicklungspfad in Richtung weiterer Zunahme von Produktivität sowie gleichzeitig von Flexibilität hat sich durch die 2000er Jahre – aus Gründen, die im folgenden Abschnitt dargelegt werden – verstetigt, so dass sich als Metapher oder Leitbild für weitere Technikevolution eben diese „gleichermaßen flexible und produktive Fabrik der Zukunft“ benennen lässt (Piller 2000:133). Eine derartige Technologie nun erlaubt die Entstehung und Ausdifferenzierung einer Art von Wirtschaftssubjekt, die Alvin Toffler 1980 mit der originellen Wortschöpfung „Prosument“ belegt hat: die Möglichkeit für Konsumenten, Funktionen der Produktion, der Wertschöpfung in zunehmendem Masse mit zu übernehmen, indem ihnen die Möglichkeit gegeben wird, „ihr“ Produkt zu variieren, zu gestalten oder gar zu kreieren, oder auch ganz allgemein konstruktiven Input zu leisten zur innovativen Gestaltung und Verbesserung von Prozessen oder Produkten (vgl. die Vielfalt der Möglichkeiten interaktiver Wertschöpfung, die Reichwald / Piller in ihrem Buch aufzeigen; Reichwald / Piller 2009:219 ff.). Dieser Prozess wurde an anderer Stelle auf die Formel gebracht, dass der Kern der Wertschöpfung sich zunehmend ans Ende der Wertschöpfungskette verlagert (W. Davidow, M. Malone 1993).
Um nun abschließend diese Betrachtungen zur Evolution von Produktionssystemen in einen umfassenderen Zusammenhang zu stellen, sei folgender Satz des ab den 1950er Jahren als Technikphilosoph hervorgetretenen Philosophen und Soziologen Arnold Gehlen zitiert, den Jürgen Habermas in „Technik und Wissenschaft als Ideologie“ wiedergibt: „Dieses Gesetz [eines Verlaufs der technischen Entwicklung, d. V.] sagt ein innertechnisches Geschehen aus, einen Verlauf, der vom Menschen als Ganzes nicht gewollt worden ist, sondern dieses Gesetz greift sozusagen vom Rücken her oder instinktiv durch die gesamte menschliche Kulturgeschichte hindurch. Ferner kann es im Sinne dieses Gesetzes keine Entwicklung der Technik über die Stufe der möglichst vollständigen Automatisierung hinaus geben, denn es sind keine weiteren Leistungsbereiche angebbar, die man objektivieren könnte.“ (in: Habermas 1968:56) In dieser Sichtweise ist die „gesamte menschliche Kulturgeschichte“ also entzifferbar als sich entfaltende Automation als „Objektivierung“, als Beherrschung von Produktionsvorgängen mit dem Ziel der relativen Entlastung einerseits und der Steigerung des „Outputs“ andererseits, mit dem letzten Entwicklungsziel der Erreichung einer Stufe der möglichst vollständigen Automation. In ähnlicher Weise hat der marxistische Wirtschaftswissenschaftler E. Mandel ein geschichtliches Entwicklungsziel in der Schaffung eines „Parks von automatischen Maschinen“ gesehen: „Wenn die Gesellschaft über einen Park automatischer Maschinen verfügt, der genügend groß ist, um ihren gesamten laufenden Bedarf zu decken, und wenn sie zusätzlich noch eine ausreichende Reserve an Mehrzweckwerkzeugmaschinen (!) besitzt, um unvorhergesehenen Ereignissen begegnen zu können, dann (…) [wird] ein von allen materiellen und wirtschaftlichen Sorgen freier Mensch geboren.“ (Mandel 1979:864) Vereinfachend wird man sagen können, dass hiermit im Kern ja auch die marxistische Sichtweise wiedergegeben ist, so weit die Evolution der Technik, der „toten Arbeit“, des Kapitals, gemeint ist; dieses Kapital musste nach Marx nun noch in einem „revolutionären Aneignungsprozess“ in Volkseigentum überführt werden, um in dem von Mandel bezeichneten Sinne nutzbar gemacht werden zu können. Das historische Resultat derartiger Bemühungen liegt inzwischen bekanntlich vor.
Was diesen zitierten Sichten nun fehlte bzw. (noch) nicht in den Blick kommen konnte, war das Auftauchen dieser zweiten Entwicklungsdimension der Technik: eben nicht nur die Automation als Steigerung der Produktivität, sondern die gleichzeitige Fortentwicklung in der Dimension Flexibilität, und damit in Richtung Universalität. Damit kommt aber die geschichtliche Deutung der Technikevolution zu vollkommen anderen Zukunftserwartungen, als dies etwa im marxistischen Sinne der Fall gewesen ist, und allerdings auch zu anderen Zukunftserwartungen, als dies innerhalb des bestehenden marktwirtschaftlichen ökonomischen Paradigmas gegeben ist.
(3) Abriss der Evolution von Wirtschaftssystemen
Es kann an dieser Stelle nur eine sehr knappe Zusammenfassung möglich sein; die bestehenden Systematiken zur Erfassung evolutorischer Merkmale von Wirtschaftssystemen, Wirtschaftsordnungen oder -verfassungen können nicht umfassend diskutiert werden (vgl. etwa die „Lange-Wellen-Theorien“ nach Kondratieff, Schumpeter, G. Mensch, E. Mandel; die Deutsche Historische Schule nach G. Schmoller und B. Hildebrandt; die marxistische Interpretation gesellschaftlicher Evolution; die Stadientheorie nach Keynes, die Pluralitätstheorie nach W. Mitscherlich, oder die Langfristperspektive nach Fourastié; vgl. Reuter 2000:99 ff.) Für den vorliegenden Zusammenhang soll es zunächst einmal hinreichend sein, wirtschaftliche Entwicklung als positiven Zuwachs an verfügbarem Güterreichtum zu verstehen: der gesteigerten Leistungsfähigkeit und Produktivität der Produktionssysteme steht natürlich als Ertrag ein gesteigertes Güterangebot, damit also prinzipiell gesteigerte Konsummöglichkeiten gegenüber. Diese in einer Volkswirtschaft verzehrbare Gütermenge konnte lange unproblematisch als „Wohlstand der Nationen“ verstanden werden, den es durch hohe industrielle Leistung, eine möglichst effiziente Faktorallokation, optimale Güterallokation sowie vielerlei wirtschaftspolitische Maßnahmen (etwa fiskalischer Art oder Maßnahmen zur Steuerung der Geldmenge) zu steigern galt. Mit Einsetzen der Industrialisierung hat sich in der großen Mehrheit der Industriestaaten die entwickelte Marktwirtschaft als das erfolgreichste Koordinierungsprinzip von Wirtschaftsaktivitäten durchgesetzt. Auf die vielfältigen wechselseitigen Verflechtungen zwischen inneren Werthaltungen der Menschen, wissenschaftlichen Entdeckungen sowie politischen und rechtlichen Veränderungen im Zuge der Entstehung des Kapitalismus hat etwa Max Weber hingewiesen (Weber 1991).
Der unproblematischen Wachstumsgläubigkeit der Früh- und Blütezeit des Kapitalismus stand ab den 1970er Jahren ein Auftauchen ökologischer wachstumsbegrenzender Befunde einerseits, sowie andererseits ein – möglicherweise – endogenes, sättigungsbedingtes Versiegen der Wachstumsimpulse und –dynamiken der früheren Epochen der Industrialisierung entgegen, die in den meisten Industriestaaten – mit exogen verursachten Schwankungen – bis in die späten 1970er Jahre angehalten hatte. Ohne nun hier in den unabgeschlossenen Diskurs um endogene oder exogene historische Wachstumsgrenzen eintreten zu wollen, sei darauf hingewiesen, dass etwa die Autoren der „Mass Customization“ eine Reihe von Phänomenen der jüngeren Wirtschaftsentwicklung zu den Entstehungsgründen der Mass Customization rechnen, die vernünftigerweise nur als Symptome einer eingetretenen Sättigung von Konsumbedürfnissen bei den Konsumenten bzw. der Märkte in vielen Branchen und Marktsegmenten verstanden werden können. Reichwaldt / Piller geben etwa als „Gründe für eine zunehmende Individualisierung der Nachfrage“ an: a) ein zunehmend hedonistisches Konsumverhalten, also nicht etwa Kauf zur – sparsamen – Befriedigung nicht aufschiebbarer und dringender Bedürfnisse, und b) einen Wandel vom Verkäufer- zum Käufermarkt, mit zunehmender Markt- und Verhandlungsmacht des Konsumenten, dies offensichtlich wegen des verlagerten Anfangsinteresses: es sind nicht mehr mehrheitlich die Käufer auf der Suche nach dem Produkt, sondern mehrheitlich sind die Verkäufer auf der Suche nach dem Abnehmer. Durch diese grundlegend gewandelte Situation verschärfen sich die Wettbewerbsbedingungen der Unternehmen, die nun auch durch Maßnahmen wie das Angebot zur interaktiven Produktgestaltung die Bindung zum Kunden zu intensivieren suchen, und in der weiteren Konsequenz sich die Möglichkeit schaffen, gezielter die Kundennachfrage zu ermitteln und entsprechend gezielter bedienen zu können, und dadurch u. a. eine Minimierung der notwendigen Investitionen in sogenannte Slack-Ressourcen erreichen können (vgl. v. Eiff 1992:75 ff.), oder etwa sich den Status eines „Quasi-Monopolisten“ erarbeiten können und dadurch sich in die Lage versetzen Preiszuschläge durchsetzbar zu machen (Piller 2000:165).
Zusammengefasst ließe sich daraus ableiten: eine zunehmende Sättigung der Märkte und daraus sich ableitende wachsende Käufermacht (sowie weitere, im Zuge beginnender Flexibilisierung und beginnender interaktiver Wertschöpfung erst entstehende, sowohl ermöglichende als auch erzwingende Gründe) zwingen den weiteren Fortschritt der Produktionstechnik in Richtung Produktivitätszuwachs mit gleichzeitigem Flexibilitätszuwachs. Offensichtlich lässt sich die einleitend genannte Technologie des UDF nun als produktionswissenschaftliches Paradigma verstehen, das das Potenzial bietet, sowohl Produktivität als auch Flexibilität bis hin zu einem nur denkbaren perfectissimum fortzuentwickeln: eine tatsächlich universale Fabrikationsmaschine böte eine schlechterdings nicht zu übertreffende Flexibilität (Losgröße 1), und käme diesem Ideal der gleichzeitig produktiven wie flexiblen Fabrik der Zukunft unvergleichlich nahe, sofern deren Leistungsfähigkeit, also die tatsächlich erreichte Produktionsgeschwindigkeit bei einer gegebenen zu erreichenden Qualität der Produkte und einem vergleichbaren Rohstoff- und Energieverbrauch auch tatsächlich mit industriell gefertigten Industrieerzeugnissen in jeder Hinsicht vergleichbar ist. Bezüglich der Erreichbarkeit eines solchen Reifegrades gehen gegenwärtig die Einschätzungen auseinander; aber diese Technologie bietet ein Zukunftspotenzial, das mit zunehmender Diskrepanz zwischen volkswirtschaftlich vorgehaltenen Produktionsmöglichkeiten bei Vollbeschäftigung und dauerhaft dahinter zurückbleibender Nachfrage von immer größerer Bedeutung sein könnte, nämlich eben diese Funktion, ein Produktionsmittel „des Volkes“ zu sein, woraus sich möglicherweise diese eingangs genannte gesellschaftliche Aufgabenstellung herleiten könnte, diese Technologie in Zukunft zu der erforderlichen Reife zu entwickeln.
(4) Die regulative Idee des marktwirtschaftlichen Paradigmas
In der ökonomischen Theorie hat die Pareto-Optimalität als Kriterium zur Bestimmung des Zustandes einer Volkswirtschaft das bis dahin vorherrschende utilitaristische Kriterium der größten Summe der individuellen Nutzen verdrängt. Mit Pareto-Optimalität sind Situationen gemeint, in denen es nicht möglich ist, durch eine Reallokation von Faktoren und/oder Gütern einzelne Verbraucher besser zu stellen, ohne dass andere schlechter gestellt würden. Dies bedeutet auch, dass die Produktionsfaktoren einer optimalen Verwendung zugeführt werden, was dann gilt, wenn a) ein Individuum gerade die Güter konsumiert, durch die sein Nutzen maximal wird, und b) die Grenzproduktivitäten der eingesetzten Faktoren gleich sind, also die größte mögliche Gütermenge produziert wird (vgl. Brümmerhoff 2007:102). Dies ist natürlich immer nur relativ zu den vorhandenen absoluten Produktionsmöglichkeiten zu sehen, d. h. im Falle einer technologisch oder durch Wissenszuwachs entstandenen Erweiterung der Produktionsmöglichkeiten verändern sich die absoluten Größen des Pareto-Optimums einer Volkswirtschaft. Implizit enthält diese Definition die Annahme, dass entstehende Erweiterungen der Produktionsmöglichkeiten bzw. der Produktion auch immer durch erweiterten Konsum absorbiert werden, denn andernfalls entstünde entweder ein nicht absetzbarer Güterberg, oder eine erwartete Nachfragelücke führte mittelbar zu Unterbeschäftigung, also einer teilweisen Beschäftigungslosigkeit der Erwerbstätigen mit der Konsequenz von mittelbarem weiterem Nachfrageausfall. Die Vorstellung der Möglichkeit, technologisch entstehende Produktivitätszuwächse immer wieder durch wirtschaftliches Mengen- und/oder Qualitätswachstum kompensieren zu können, ist also dieser Definition von Optimum sozusagen inhärent und kann insofern als Bestandteil einer „regulativen Idee“ des marktwirtschaftlichen Paradigmas verstanden werden: Vorstellungen einer Begrenzung von Wachstum und Beschäftigung und eines stabilen stagnativen volkswirtschaftlichen Zustandes sind bis dato in der volkswirtschaftlichen Theorie innerhalb des marktwirtschaftlichen Paradigmas sehr umstritten (vgl. die theoretische Aufarbeitung des „Reifeproblems entwickelter Volkswirtschaften“ bei K. G. Zinn in (Zinn 1994, 1998, 2002); sowie seinen Hinweis auf die „Langfristprognose“ von J. M. Keynes aus 1943, in der Keynes sättigungsbedingte anhaltende stagnative Tendenzen ab den 1970er Jahren annahm, und entsprechende allgemeine Verkürzungen der durchschnittlichen Arbeitszeiten empfahl, um Vollbeschäftigung dennoch zu erhalten). Als „natürlicher“, wünschenswerter oder „gesunder“ Zustand eines marktwirtschaftlich verfassten dynamischen Systems ist viel eher die Vorstellung einer wachsenden Wirtschaft mit wachsenden Einkommensmöglichkeiten und ebenso wachsenden Konsummöglichkeiten intuitiv zugänglich, als die von endogenen oder – politisch umzusetzenden – exogenen Begrenzungen der Wirtschaftstätigkeit.. Oder sozusagen andersherum argumentiert: es ist leicht einsichtig zu machen dass eine sich erweiternde Schere zwischen Produktionsmöglichkeiten und tatsächlichem Konsum und Produktion die Selbststeuerungsfähigkeit der Marktkräfte systematisch überfordern würde (vgl. dazu ebenfalls Zinn 2002b; Ortlieb 2011; vgl. dazu ebenfalls die umfangreiche Diskussion der diversen Krisen der Finanzsektoren der jüngeren Vergangenheit, die häufig ebenfalls im Zusammenhang mit einer säkularen Nachfrage- und resultierenden Investitionsschwäche des produktiven Sektors verstanden werden). Innerhalb des marktwirtschaftlichen Paradigmas gilt als Basisannahme, dass in der Regel nur Einkommensbezieher als Konsumenten auftreten können, und Einkommensbezug ist in der Regel an Erwerbstätigkeit gebunden. In der Regel wird eine Person in etwa in dem Maße konsumieren können, also Leistung aus dem Wirtschaftskreislauf entnehmen, wie sie Leistung dem Wirtschaftskreislauf zur Verfügung gestellt hat, in der Regel im Rahmen einer geregelten Erwerbstätigkeit. Die Vorstellung eines dauerhaften und massiven Produktivitätsüberschusses ist dem marktwirtschaftlichen Paradigma sozusagen zuwider: „[..] es sei daran erinnert, dass eine quasi arbeitslose, nur noch mit Robotern betriebene Industrie unter den bestehenden Eigentumsverhältnissen zu völlig absurden, untolerierbaren sozialökonomischen Ergebnissen führen würde: Wer kauft dann eigentlich die Produkte? Der Warenaustausch fände sozusagen nur noch den Eigentümern der Roboter, also den Kapitaleignern statt. Die Masse der anderen Menschen wäre von einer solchen Wirtschaft ausgeschlossen und würde verelenden.“ (Zinn 1998:66)
(5) Die regulative Idee der UDF
Zinn beschreibt hier eine Vorstellung von weitgehender, extremer Automation, wie sie durch den Verlauf der industriellen Entwicklung gängig war; auch ein ausgewiesener Fachmann für betriebliche IuK-Systeme und Automation von Produktionssystemen wie der (inzwischen emeritierte) Erlanger Professor P. Mertens, einer der Mitbegründer der Wirtschaftsinformatik in Deutschland, sah in dem „vollautomatisierten Betrieb, den kein Arbeitnehmer und keine Arbeitnehmerin mehr betreten muss“ die langfristig zu verwirklichende Zukunftsvision seines Faches, ohne jedoch dieses zwangsläufig innerhalb von Marktwirtschaften damit auftretende Nachfrageproblem zu benennen und zu problematisieren (Mertens 2006:42).
Wie in der bisherigen Argumentation aber gezeigt werden konnte, scheint sich der bisherige und weiter zu erwartende Verlauf der Technikevolution der aufmerksamen Beobachtung ganz anders darzustellen als hier erwartet: durch die verfolgte Fortschrittsrichtung in den beiden Dimensionen Produktivität und Flexibilität kommt es möglicherweise zu ganz andersartigen Produktionssystemen als etwa roboterisierten und vollautomatisierten Industriebetrieben, und diese von Zinn gestellte Frage nach den Eigentumsverhältnissen beantwortet sich möglicherweise auf eine ganz andere, und sehr natürliche Weise.
Das Paradigma der UDF unterstellt universale, relativ kleine und kostengünstige Produktionssysteme, die aufgrund dieser konstruktiven und funktionalen Merkmale dazu gedacht und geeignet sind, sich im Besitz des Konsumenten zu befinden, also eines an den (vornehmlich) für den Eigenverbrauch produzierten Produkten dieser Maschine interessierten Verbrauchers. Es war ferner gesagt worden, dass es zu den konstruktiven Merkmalen dieser Maschine gehört, die Konstruktionsdaten des zu erzeugenden Produktes auszuwerten, diese Daten müssen der Maschine also zugeführt werden; gegenwärtig ist dies in vielen Fällen – wie beschrieben – über von einigen privaten Betreibern angelegte Datenbanken möglich.
Wie wäre nun die Pareto-Optimalität einer Volkswirtschaft zu definieren, unter der Voraussetzung der Verfügbarkeit einer solchen Technologie, und zwar auf einem vorausgesetzten erreichten hohen Reifeniveau?
Pareto-Optimalität bedeutet: 1. jedes Individuum konsumiert die Güter, die ihm optimalen Nutzen stiften, und 2. es wird die größte mögliche Gütermenge produziert.
Das Reifeniveau der UDF-Technologie sei nun so definiert, dass alle in einer vergleichbaren Volkswirtschaft produzierbaren Güter qualitätsgleich auch von Fabrikatoren produziert werden können, und dies in einer vergleichbaren Produktionsgeschwindigkeit, bei vergleichbarem Ressourcenverbrauch (Rohstoffe, Material, Energie). Jedem Haushalt steht ein Fabrikator zur Verfügung, und jeder Haushalt ist versorgt mit der erforderlichen Infrastruktur und hat Zugang zu den erforderlichen Ressourcen, sowie zu den erforderlichen Produktdatenmodellen. Die Produktdatenmodelle, wenn einmal geschaffen, stellen keine natürlicherweise knappe Ressource dar: sie können technisch beliebig oft kopiert, also vervielfältigt werden, ohne dass ihre Verfügbarkeit jemals Minderung erleiden würde; Beschränkungen der freien Verfügbarkeit wären allenfalls durch Rechtsmittel herzustellen. Es sei hier unterstellt, dass diese Produktdatenmodelle frei verfügbar sind. Energie und Rohstoffe unterliegen allerdings einer natürlichen Beschränkung der Verfügbarkeit, sie stellen also ein knappes Gut dar. Wenn nun unterstellt wird, dass die knappen Ressourcen Energie und Rohmaterialien auf alle Haushalte gleichmäßig – beispielsweise nach Kopfzahl – verteilt werden, dann wird eine in einer Volkswirtschaft produzierte Gütermenge auf jeden Haushalt so verteilt, dass sie ihm optimalen Nutzen stiftet: die Zusammenstellung des optimalen Güterbündels entspräche der vom Haushalt zu treffenden Auswahl der umzusetzenden Produktdatenmodelle, die jedem Haushalt innerhalb der bestehenden Energie- und Ressourcenbeschränkungen vollkommen frei steht. Die Güterallokation wäre optimal, aber offensichtlich nicht preisgesteuert, und die Faktorallokation wäre ebenfalls nicht preisgesteuert, aber effizient.
Dies wäre sozusagen ein zentralgesteuertes Modell einer „idealen“ UDF-Ökonomie. Die Steuerungsfunktion umfasste zunächst lediglich die Verteilung der Ressourcen auf die Haushalte. Die erreichte volkswirtschaftliche Zustand wäre gekennzeichnet durch erreichte Pareto-Optimalität, dies aber bei gleichzeitiger Minimierung des Arbeitsleids, also ohne Belastungen der Menschen durch Arbeitsmühen, und bei gleichzeitiger – definitionsgemäß nur technisch eingeschränkter – Sicherheit der Versorgung.
Ließe sich der volkswirtschaftliche Zustand durch eine marktwirtschaftliche Organisation mit gewinnwirtschaftlich operierenden Akteuren verbessern? Jeder Besitzer eines Universalen Fabrikators träte damit nun als Produzent von Waren auf einem Markt auf, und suchte sein Produkt gewinnbringend zu veräußern. Dieser Versuch wäre offensichtlich aussichtslos unter den gegebenen Voraussetzungen: kein Produzent ist zunächst in der Lage, ein Produkt auf dem Markt anzubieten, dass jeder potentielle Käufer nicht selbst würde herstellen können. In einer statischen Betrachtung, die also das Vorhandensein einer hinreichenden Menge von Produktdatenmodellen und hinreichende Mengen an Energie und Ressourcen voraussetzt, könnte ein so beschriebener volkswirtschaftlicher Zustand offensichtlich durch Änderungen der Organisation nicht verbessert werden. Eine „vollautomatisierte“ Volkswirtschaft, also ein in einer ganzen Volkswirtschaft gegebener Zustand von gesicherter Güterversorgung für prinzipiell jeden Haushalt ohne die Erfordernis menschlicher Arbeitsleistung wäre nur auf diese Weise und mit Hilfe dieser Technologie möglich: denn nur so ist es möglich, vollkommen auf Tausch, Güterverkehr, Transportwege, Preissteuerung, auf Arbeitsteilung und Spezialisierung zu verzichten. Erst die erreichte Universalisierung der Produktion, die es erlaubt aus einem vollkommen homogenen Gut, aus Energie und – annähernd – eben so homogenen Rohstoffen am Ort des Verbrauchs das individuellen Nutzen stiftende Gut werden zu lassen, ermöglicht es, theoretisch den gesamten sekundären Sektor einer Volkswirtschaft vollständig maschinell ablaufen zu lassen: eine so vorgestellte „Volkswirtschaft“ käme eher selbst einer Maschine, einem großen systemischen universalen Automaten gleich.
Würde dies aber nun bedeuten, wie E. Mandel dies als marxistisch inspirierte Zukunftshoffnung formulierte, dass „ein von allen materiellen und wirtschaftlichen Sorgen freier Mensch geboren“ worden ist? In einem ersten Zugriff würde man diese Frage zunächst einmal zu bejahen haben, denn offenbar wären dem Menschen doch zumindest eine erhebliche Menge seiner materiellen Sorgen abgenommen. Aber damit ist ein möglicher, realer volkswirtschaftlicher Zustand unter der Voraussetzung der Verfügbarkeit einer solchen Technologie auch bei einem derartig vorgestellten Reifegrad noch keineswegs hinreichend beschrieben; zum Beispiel wäre ja die Frage der Energieerzeugung und Verteilung zu lösen. Dennoch ist zunächst festzuhalten: ein vorstellbares Optimum eines volkswirtschaftlichen Zustandes auf der Grundlage dieser Produktionstechnologie, dieses Paradigmas der Produktion, muss eine solche Beschreibung enthalten. Das heißt: ein beschreibbarer volkswirtschaftlicher Idealzustand ist dann weniger gekennzeichnet von optimaler Güterallokation und effizienter Faktorallokation, bei fortbestehendem inhärentem Zwang zu perpetuiertem Produktmengenwachstum, sondern ist gekennzeichnet von optimaler Güterallokation, effizienter Faktorallokation, minimiertem Arbeitsleid und eher statischer gesamtwirtschaftlich produzierter Gütermenge.
Handelt es sich hierbei nun um die eingangs erwähnten „höheren Produktionsverhältnisse“? Zur Beantwortung dieser Frage muss ein wenig von der bisherigen statischen Betrachtung abgewichen werden, und es muss sozusagen ein wenig mehr Realität im Modell zugelassen werden. Nach P. A. Samuelsen ist es „Aufgabe jeder Wirtschaftsordnung festzulegen was in welchen Mengen wie und für wen produziert werden soll.“ (Samuelson 1974:35) Bekanntlich obliegt in einem marktwirtschaftlichen System diese Aufgabe letzten Endes den Preisen: es gibt zwar sicherlich den Nutzen maximierenden Homo Oeconomicus, und das seinen Produktionsplan festlegende Unternehmen, aber alle ökonomischen Akteure sind an die Auswertung von Preisinformationen gebunden zur Erzielung des je individuellen Wohlfahrtsmaximums, bzw. das Unternehmen zur Erzielung eines „angemessenen“ Existenz sichernden Gewinns. Das Gesamtsystem aber hat keine Steuerungsfunktion: es kann weder die gesamtwirtschaftliche Outputmenge erhöht, noch gesenkt werden, noch kann inhaltlich auf die Produktion in größerem Umfang Einfluss genommen werden, also beispielsweise eine ökologisch erforderliche Produktions- und Konsumweise beschlossen und praktiziert werden, oder z. B. eine nachhaltigere, auf Dauerhaftigkeit der Produkte abzielende Konstruktion erreicht werden. Dies aber wäre in einer so vorgestellten Produktionsweise ausschließlich durch technische Restriktionen beschränkt, einem sich möglicherweise artikulierenden politischen Willen und Beschluss stünden prinzipiell und systematisch keine Widerstände im Wege. Zusammengefasst: das Prinzip der wirtschaftlichen Steuerung kann wesentlich mehr von einer systemisch-imperativischen anonymen marktrationalen Preissteuerung zu einer sprachrationalen, Rechtfertigungsansprüchen zugänglichen politischen Steuerung übergeleitet werden.
Eine abschließende Bemerkung soll nun der Beachtung der Tatsache gelten, dass ja nicht die Gesamtheit aller wohlstandssteigernden wertschöpfenden Tätigkeiten einer Volkswirtschaft auf diese Weise mit derartig weitgehender maschineller Unterstützung geleistet werden kann; dass eine Reihe von Gütern (sehr große; Nahrungsmittel?) möglicherweise niemals auf diese Weise wird produziert werden können, und dass der Entwicklungspfad hin zu diesem Idealzustand nicht betrachtet worden ist – eine derartig konsequent statische Betrachtung entspricht aber nicht den Realitäten, so dass eine umfassende volkswirtschaftliche Betrachtung und Einordnung dieses Paradigmas und dieses technologischen Potenzials unbedingt in vollem Umfang noch zu leisten ist. Eine künftige Wirtschaftsordnung mit möglicherweise weitgehend maschinisiertem sekundärem Sektor wird zum größten Teil von tertiären Leistungen und Beschäftigungen ausgefüllt sein, und hier dürfte wegen der nicht zu ersetzenden Notwendigkeit des Austausches von Leistungen eine marktliche Koordination auch in Zukunft die größte Effizienz gewährleisten. Die vorgestellte weitgehende maschinelle und damit weitgehend mühe- und kostenlose Bedarfsdeckung im Bereich der Güterproduktion könnte in diesem größeren Kontext dann als eine Art von garantierter Basisleistung innerhalb eines gewissen – je technologisch erweiterbaren – Umfangs sicherlich eine nicht unerhebliche Erweiterung der Spielräume der Lebensgestaltung und der Fundierung der materiellen Sicherheit für die Menschen bedeuten, andererseits aber wohl auch nicht das umfassende materielle Konsumentenparadies, in dem beliebige Konsumwünsche jederzeit vollkommen leistungsfrei zur Verfügung stehen. Ebenso wenig werden damit alle zwischenmenschlichen Konflikte mit ökonomischer Wurzel gelöst sein: die auf dieser Welt schier unendliche Anzahl von Arten nichtvermehrbarer knapper Güter alleine wird schon dafür sorgen dass sich an einigen Grundtatbeständen des ökonomischen Universum so viel auch nicht ändern wird; es wird nicht ein von allen materiellen Sorgen freier Mensch geboren, aber – er wird doch immerhin einiger seiner materiellen Sorgen ledig sein können, ohne sich gleichzeitig ökologisch in eine Sackgasse begeben zu müssen. Das wäre doch schon ein Ziel, das allen Aufwand rechtfertigt.
In der Zusammenfassung stellt sich die Situation so dar: das Symbol der Epoche der Industrialisierung war die Industriefabrik mit dem rauchenden Schlot, und das Projekt dieser Epoche bestand darin, diese „Maximumaufgabe“ zu lösen, nämlich die Produktionsmöglichkeiten und die Produktion bis an die historischen Sättigungsgrenzen heran zu führen und zu entwickeln. Das Symbol einer kommenden Epoche wäre dann diese kleine Universalfabrik, die sich im Schosse der Industriegesellschaft entwickelt, und das Ziel dieses Projektes, die Produktionsmöglichkeiten auf der Sättigungsgrenze – oder besser auf dem ökologisch verträglichen Niveau eines rationalen Produkts – dahingehend zu entwickeln, dass dieses Produkt voll maschinell erzeugt und zum Konsum zur Verfügung gestellt werden kann. Ein Inhalt der dann umfangreich möglichen tertiären Beschäftigungen könnte sein, eine neue Art von blühenden Landschaften zu realisieren, die dann eben nicht mehr mit diesem Symbol der vergangenen Industriegesellschaft verziert sein müssen, den rauchenden Schloten, und dem – stellvertretend für alle resultierenden Schadstoffeinträge der Industrieproduktion – dem dazu gehörenden Rauch. Hierzu müsste das dazu erforderliche Produktionssystem jenseits eines bestimmten kritischen Grades von vertikaler und horizontaler Durchdringung einer Volkswirtschaft schließlich sich im Kern und seinen zentralen Funktionsstücken in öffentlichem Eigentum und öffentlicher Verantwortung befinden, um überprivaten Eigentümern Kapitalerträge als Gebrauchswerte zur Verfügung stellen zu können, und die Sicherung seiner Funktionsfähigkeit würde zu einer hoheitlichen Aufgabe.
(6) Praktische Schlussfolgerungen
Diese Technologie hat sich eine ganze Reihe von Wegen der Diffusion in die Praxis erschlossen, in Wirtschaft, Wissenschaft, in der Bildung, und auch zunehmend in öffentlichen über das Internet koordinierten Open-Source-Projekten; ein Beispiel wäre etwas das Ökonux-Projekt, das sich die Erforschung und Entwicklung einer nicht-marktlichen Wirtschaftsorganisation zur Aufgabe gemacht hat, und dies – nach der anfänglichen Beschränkung auf Software-Produktion – nun explizit auch mit dem Ziel der Einbeziehung von „Hardware“, womit hier eben Technologie zur Güterproduktion gemeint ist. Neil Gershenfeld hat schon ab 1998 die Fablab-Bewegung ins Leben gerufen, womit öffentlich zugängliche Räume mit einer Mindestausstattung von Infrastruktur zur maschinellen Güterproduktion gemeint sind (neben dem Fabber auch ein Lasercutter oder eine CNC-Maschine; Ziel ist sowohl das pädagogische der Heranführung dieser Ideen und dieser Technologie an interessierte und vor allem junge Menschen, als auch das praktische der Erzeugung von sonst unerschwinglichen Gebrauchsgütern, dies vor allem in wirtschaftlich unterentwickelten Weltgegenden). Bei F. T. Piller finden sich eine Reihe von Argumenten und Kriterien für einen wirtschaftlich attraktiven Einsatz dieser „Extrem-Customization“, die in der sich weiterentwickelnden Wirtschaft diese Technologie vorantreiben werden. Davon unabhängig hat sich Neil Gershenfeld öffentlich auf das ehrgeizige Ziel festgelegt, innerhalb der nächsten zwanzig Jahre eine Fabrikationsmaschine mit der Kapazität des – aus dem gleichnamigen Science Fiction Film bekannten – „Star Trek Replicators“ zu entwickeln (Gershenfeld 2008), womit also eine Maschine gemeint ist, die komplette funktionsfähige 1:1-Kopien von artifiziell hergestellten Dingen erzeugen kann, einschließlich ihrer selbst; sollte dies so erreicht werden, dürften die von einer derartigen Innovation ausgehenden ökonomischen Impulse nicht zu übersehen sein.
Der amerikanische Wissenschaftler Hod Lipson, einer der Autoren des Paradigmas des UDF, hat im Auftrag des „Whitehouse Office of Science & Technology Policy“ einen Report erstellt, in dem er diese Entwicklungen als in ihrer Bedeutung ähnlich weit reichend wie die Entwicklung des Computers und der Computer- und Softwareindustrie ab den 1950er Jahren darstellt, und in dem er zu umfassenden Empfehlungen zur Förderung dieser Technologie in Wirtschaft und Gesellschaft kommt, wie eingangs bereits erwähnt (Lipson 2010). Lipson kommt zu folgenden Empfehlungen (Auszug):
1. Einrichtung eines FabLab in jeder Schule
2. Das Angebot von Lehrerausbildung in grundlegenden Design- und Fabrikationstechnologien
3. Schaffung von Curricula mit Fabrikationskomponenten
4. Schaffung von entsprechenden Lernangeboten außerhalb des schulischen Bereichs
5. Verbreitung und Entwicklung von „Open Hardware“ Standards und Spezifikationen
6. Entwicklung von standardisierten Dateiformaten für elektronische Muster-Design-Dateien
7. Schaffung einer Datenbank für CAD-Dateien zur Benutzung von Behörden
8. Schaffung eines „Innovations Forschungsprogramms“ für Do-It-Yourself-Unternehmer
9. Steuerbefreiung für Unternehmen, die Basismaterialen für das Personal Manufacturing entwickeln
So weit die gekürzte Wiedergabe der Empfehlungen H. Lipsons.
Aus Sicht der hier entwickelten Argumentation schiene es wünschenswert, auch in politische langfristige Gestaltungskonzeptionen, die ja immer auch wirtschaftspolitische „Visionen“ enthalten, eine derartige Fernperspektive einfließen zu lassen bzw. in einen auch kürzer fristigen Gestaltungsplan zu integrieren, um Wege zu finden zur Befreiung aus der immer wieder aussichtslosen konzeptionellen Verpflichtung auf politische Ziele, die letztlich doch immer wieder mit der Idee wirtschaftlichen Wachstums verbunden sind, das es in diesem Sinne als Fortschrittskriterium so nie wieder mehr geben wird.
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